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In Florida gelten die gleichen Voraussetzungen wie in Atlanta, Georgia !

 

HANDELSBLATT, Freitag, 29. Dezember 2006, 20:43 Uhr
Starthilfe für das Amerika-Abenteuer

Kaufe niemals ein Auto cash!
Von Katja Ridderbusch

Eine stolze Firmengeschichte und ein solides Kapital in der Heimat zählen beim Markteintritt in den USA herzlich wenig. Wer ein Bankkonto eröffnen, einen Kredit aufnehmen will, der gilt zunächst als "unbekannte Einheit". Für geschäftstüchtige Amerikaner ist das keine schlechte Marktnische .

ATLANTA. Rudi Herbst kam 1999 nach Atlanta - mit einem Koffer voll Bargeld und dem Auftrag, die amerikanische Niederlassung von Kraiburg TPE aufzubauen, einem mittelständischen Hersteller von Kunststoffen. Als Erstes wollte er zwei Autos kaufen, eines für sich und eines für seine Frau, und da er noch kein Bankkonto hatte, gab er dem Autohändler 60 000 Dollar in bar. Doch der trieb ihn vom Hof. Schließlich könne das Geld ja aus einem Drogendeal stammen oder gewaschen sein - und Rudi Herbst ein Mitglied der Mafia.
Sieben Jahre später sind die Probleme die gleichen und die Hürden für Ausländer in den USA noch höher angesichts der strengeren Gesetze für Visa, Einreise und Zoll. Und auch die Fehler, die viele kleine und mittelständische Unternehmen beim Versuch begehen, auf dem amerikanischen Markt Fuß zu fassen, halten sich hartnäckig. Mittlerweile aber gibt es professionelle Hilfe für Menschen wie Rudi Herbst. Das Geschäft der "Inkubatoren" boomt.
"Es ist erstaunlich, mit welcher Naivität sich selbst erfahrene Geschäftsleute häufig in das amerikanische Abenteuer stürzen", bemerkt Eike Jordan. Er ist einer dieser Starthelfer, betreibt in Atlanta einen Inkubator-Service. Selbst eine stolze Firmengeschichte und ein solides Kapital in der Heimat zählten beim Markteintritt in den USA wenig, sagt er. Wer ein Bankkonto eröffnen, einen Kredit aufnehmen will, der gilt zunächst als "unbekannte Einheit" - selbst die besten Kreditreferenzen aus Deutschland sind in den USA wertlos.
Ohne "credit history", eine Art Zeugnis der Zahlungsmoral, ist es in den USA fast unmöglich, einen Telefonanschluss zu beantragen, einen Mietvertrag für eine Wohnung, ein Büro oder ein Mobiltelefon abzuschließen. "Wer sich als Unternehmer in den USA niederlassen will, braucht sehr viel Geduld", betont Jordan und schmunzelt, "und das ist ja nicht unbedingt eine deutsche Stärke."
Inkubator-Dienste haben sich das zu Nutze gemacht. Bei ihnen kann sich jedes Unternehmen sein Dienstleistungspaket maßschneidern lassen, von einer Firmenadresse und Telefonnummer für eine Geschäftspräsenz auf niedrigstem Niveau bis hin zum Büro mit voller Ausstattung und Lagerhaltung. Die Inkubatoren helfen den Unternehmen, eine Firmenlizenz zu beantragen und Konten bei Banken zu eröffnen, die sich auf Ausländer spezialisiert haben. Sie stellen Kontakte zu Anwälten, Steuerberatern, Wirtschaftsprüfern und Versicherungen her. Das kostet allerdings eine Kleinigkeit. Die Anfangsinvestitionen liegen zwischen 50 000 und 100 000 Dollar. "Wer diese Ausgaben zu Beginn scheut, bezahlt später teures Lehrgeld", betont Jordan.
Die erste Anlaufstelle für viele klein- und mittelständische Unternehmen sind die Auslandshandelskammern. Vier deutsche Kammern gibt es in den USA - in New York, San Francisco, Chicago und Atlanta. Deren Dienstleistungsmarke "DEinternational" bietet als Service Geschäftspräsenz, Adressenrecherche oder Geschäftspartner-Suche an. Mehr als 2 500 deutsche Unternehmen haben im Südosten der USA Niederlassungen oder Produktionsstätten errichtet, neben Firmen wie Porsche, Daimler, BMW, Siemens oder Bayer vor allem kleine und mittelständische Unternehmen. Nicht zufällig ist diese Region für Firmen attraktiv; dort sind die Löhne bezahlbar, die Gewerkschaften schwach, die Immobilienpreise moderat und die Steuern vergleichsweise niedrig. Die Deutsch-Amerikanische Handelskammer in Atlanta betreut derzeit 35 Unternehmen in ihrem Inkubator.
Sie hat viel zu tun. Da ist zum Beispiel die fehlende Kenntnis des Marktes: "Viele europäische Geschäftsleute denken in Ländern", sagt Kristian Wolf, Geschäftsführer der Handelskammer in Atlanta. "Doch der amerikanische Markt ist sehr differenziert, jede Region ist anders."
Häufig kommt es außerdem zu kulturellen Missverständnissen - deutsche Unternehmer werten die ungezwungene und freundliche Art amerikanischer Geschäftsleute als Vertrauensbeweis, suchen sich die falschen Partner oder das falsche Personal.
Die Firma Leitenberger aus Reutlingen hat die Hilfe der Handelskammer gesucht. Leitenberger ist ein Traditionsunternehmen, das Werkstattprüfgeräte für PKW, LKW, Landmaschinen und Motorräder herstellt und seit 2005 auf dem US-Markt vertreten ist. Die Website gibt als Firmenadresse "530 Means Street, Suite 120" in Atlanta an. Das ist die Anschrift der Handelskammer. Deren Mitarbeiter halfen Leitenberger, als Firma funktionsfähig zu werden - mit Lizenz, Geschäftsadresse, Bankkonto. Nun beantworten sie Kundenanrufe, übernehmen Buchhaltung und Controlling, bereiten Messe-Auftritte vor, pflegen die Website und schalten Anzeigen. Eine einfache Geschäftspräsenz mit Adresse und Telefondienst kostet im Monat 350 Euro; für weitere Dienstleistungen stellt die Kammer 50 Euro pro Stunde in Rechnung.
Wo die Dienste der Kammer aufhören, setzen private Inkubatoren wie "Jordan Inter Start, Inc." an. Zusätzlich zum Kerngeschäft des Inkubators bietet der promovierte Ökonom Jordan, der 1978 nach Atlanta kam, um die Handelskammer aufzubauen, und der sich 1984 selbstständig machte, auch eine eigene Lagerhaltung an. In einem schmucklosen Flachbau im Norden Atlantas befinden sich Jordans Büros und diejenigen seiner Kunden, ferner Konferenzräume sowie Lagerhallen von unterschiedlicher Größe und Ausstattung.
Dort stapeln sich Pumpen und Ersatzteile für Maschinen auf Paletten neben großen Metallboxen, in einem gekühlten Raum lagert Software in einem Schrank, und in Schubfächern liegen, sorgsam verpackt, Innenohr-Implantate. Wer besonders intensive Betreuung möchte, wählt eher einen privaten Dienstleister.
"Jordan Inter Start" zum Beispiel sorgt dafür, dass das Unternehmen innerhalb von drei bis vier Wochen voll funktionsfähig ist. Bei der Eröffnung eines Kontos, dem Antrag auf eine Kreditkarte oder einem Autokauf bürgt der Inkubator mit seinen eigenen US-Kreditreferenzen. Derzeit betreut "Jordan Inter Start" etwa zwölf Unternehmen. Rund 60 hat der Dienstleister über die Jahre in die Selbstständigkeit entlassen.
In der Regel dauert es drei oder vier Jahre, bis ein Unternehmen den Schutzraum des Inkubators verlässt. "Wir erarbeiten mit den Firmen frühzeitig eine Exitstrategie", betont Handelskammer-Chef Wolf. Eike Jordan begleitet viele seiner Kunden auch nach dem Verlassen des Inkubators. Das wichtigste Rezept für einen erfolgreichen Markteintritt: "Kontakte. Ein dicht geknüpftes Netzwerk ist überlebenswichtig", sagt Jordan.
Rudi Herbst hat es geschafft - mit Hilfe der Kammer und Eike Jordan. Mittlerweile hat er seine eigene Firma und sitzt im Vorstand der Handelskammer. Er freut sich, Neuankömmlingen Tipps geben zu können. Zum Beispiel den: Gehe niemals mit einem Koffer voller Bargeld ein Auto kaufen!